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Partie 1 unter der Lupe Drucken E-Mail
Die erste Partie zwischen Wladimir Kramnik und Deep Fritz sah zuerst nach einem todlangweiligen und immer unentschiedenen Spiel aus – bis Schachfreunde im CSS-Forum einen tatsächlichen oder vermeintlichen Gewinn fanden. Statt des Zuges 30.a4 soll 30.e3 gewinnen. Unser Kommentator Peter Vossen hatte a4 zunächst ein Rufzeichen gegeben und sich damit die Schelte eines tumben Redakteurs eingehandelt, der meckerte, ein so offensichtlicher und logischer Zug bedürfe doch wohl keines Kommentars. Peter hat nun die Partie noch einmal analysiert und einige spannende Varianten gefunden.

Wladimir Kramnik - Deep Fritz

WCC Bonn (1), 25.11.2006

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 Kramnik entscheidet sich mit Katalanisch für eine Eröffnung, die den Ruf genießt, dass Weiß ein sicheres Spiel mit dem „Remis in der Tasche“ hat.

3...d5 4.Lg2 dxc4 Offenes Katalanisch hat sich in letzter Zeit durchgesetzt, da Weiß den geschlagenen Bauern nicht auf natürlichem Weg mit dem weißfeldrigen Läufer zurückholen kann. Er verliert dafür Zeit durch Damenzüge, diese Tempi versucht Schwarz für seine Entwicklung und die Schaffung von Gegenspiel im Zentrum zu nutzen.

5.Da4+ Sbd7 6.Dxc4 a6 7.Dd3 Weiß nimmt die Dame rechtzeitig vor der Anrempelung b7-b5 zurück, um eine problemfreie Entwicklung des schwarzen Damenflügels zu verhindern.

7...c5 8.dxc5 Lxc5 9.Sf3 0-0 10.0-0 De7 11.Sc3 b6!?

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Das ist die richtige Gelegenheit für Deep Fritz , um den schwarzfeldrigen Läufer auf die lange Diagonale zu bringen. Ich vermute, dass sich Deep Fritz hier noch im Buch befindet.

12.Se4 In einer Partie Szekely - Salow (Leningrad 1984) folgte nun 12.Sg5 Lb7 13.Lxb7 Se5 14.Db1 Dxb7 15.Sce4 Sxe4 16.Dxe4 Dxe4 17.Sxe4 Le7 mit Ausgleich!

12...Sxe4 13.Dxe4 Sf6 14.Dh4 Lb7 Deep Fritz lässt die nun folgende Fesselung und damit einhergehend Verschlechterung der Bauernstellung zu, da seine aktiven Läufer das locker aufwiegen.

15.Lg5 Tfd8 16.Lxf6 Dxf6 17.Dxf6 gxf6 18.Tfd1 Kramnik nutzte die Gelegenheit, den schwarzen Königsflügel etwas zu zersplittern. Vomn einer besseren Stellung kann dennoch keine Rede sein, die schwarzen Figuren - besonders das Läuferpaar - stehen ausgezeichnet.

18...Kf8 19.Se1!? Halbiert immerhin das Läuferpaar.

19...Lxg2 20.Kxg2= f5 Ein nützlicher Zug: a) Fritz stellt den Baueren positionsgerecht auf die entgegengesetzte Farbe seines Läufers b) Er nimmt mehr Einfluss auf das Zentrum c) Er schafft bzw. räumt mögliche zuküftige Felder für seinen König (f6, e5, g5)

21.Txd8+ Txd8 22.Sd3 Ld4 23.Tc1 e5 24.Tc2 Es ist dem Spiel von Kramnik anzumerken, dass er „nichts anbrennen lassen will“. Er beugt jeder - auch nur scheinbaren Drohung - vor. Sicherheit ist Trumpf!

24...Td5? Deep Fritz versucht mit außergewöhnlichen Maßnahmen, aus der Partie mehr als einen halben Punkt zu holen und macht einen etwas zu unternehmenden Zug.

25.Sb4!

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Kramnik nimmt die Herausforderung an und zwingt Deep Fritz in eine forcierte Variante.

25...Tb5 In Anbetracht der nachfolgenden realen Gewinnmöglichkeiten von Weiß sollte das verdächtig aussehende 25...Ta5?! doch näher untersucht werden. Es zeigt sich aber, dass Weiß auch hier eine offensichtliche Gewinnstellung erzielt. 26.b3! bringt die schwarze Figurenstellung in komplette Unordnung. 26...Tc5 (26...Ta3 27.Sc6 La1 28.Kf3 f6 29.e4+- ) 27.Txc5 Lxc5 28.Sxa6 Ld6 Der Versuch, den Springer einzusperren funktioniert nicht. 29.Kf3 Ke7 30.Ke3 Kd7 31.Kd3 Kc6 32.Kc4 b5+ 33.Kc3 Kb6 34.Sb4+-

26.Sxa6 Txb2 27.Txb2 Lxb2 28.Sb4! Sofort strebt dieser am Rand gestrandete Springer zurück, um einen zentralen Platz zu besetzen. Kramnik ist es gelungen, eine für ihn sehr vorteilhafte Stellung zu erreichen. Allerdings war ihm das wohl selber nicht ganz bewußt, wie die Partiefortsetzung zeigt.

28...Kg7 29.Sd5 Nach Partieende meldeten sich aufmerksame Computerschach- und Fernschachfreunde mit Analysen im CSS-Forum, die hier und einen Zug später einen erzwungenen Sieg von Kramnik nachweisen sollten. Die Analysen stützten sich dabei insbesondere auf Berechnungen der Top-Engine Rybka. Die Grundidee besteht darin, dass Kramnik seinen König auf die Damenseite bringt und in Zusammenarbeit mit dem Springer den schwarzen b-Bauern erobert. Währenddessen sollte es Weiß gelingen, das logische schwarze Gegenspiel am Königsflügel einzudämmen. Die Hauptvariante sieht folgendermaßen aus: 29.Kf3 La3 30.Sd5 Lc5 31.e3 b5 32.Ke2 e4 33.Kd2 Ld6 34.Kc3 Kg6 35.Kb3 Kg5 36.Sc3 b4 37.Sb5 Lc5 38.Kc4 Le7 39.h3 h5 40.Sd4 Ld6 41.Kb5 Lf8 42.Sc6 b3 43.axb3 h4 44.Sd4 hxg3 45.fxg3+- Eine tiefere Analyse dieser faszinierenden Idee folgt in der nächsten Variante.

29...Ld4

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30.a4? Kaum zu glauben, aber dieser scheinbar so natürliche Zug scheint den Gewinn zu vergeben. Reale Gewinnchancen erhält Weiß, wenn er die Beweglichkeit des gegnerischen Läufer reduziert, und dann mit König und Springer vereint auf den b-Bauern losgehen, wie in der vorangegangenen Variante bereits angedeutet. Ich stütze mich hierbei u.a. auf die Analysen von Alois Winkler, Joachim Nettelbeck, Wolfgang Utesch, Kurt Utzinger, Reinhard Diener u.a. (Tut mir jetzt schon leid, wenn ich jemanden vergessen habe!) Eingeleitet wird der Gewinnplan mit 30.e3! Lc5 31.Kf1 (31.Kf3 ist gleichwertig) Obwohl mittlerweile allgemein Einigkeit darüber besteht, dass die Stellung für Weiß gewonnen ist, möchte ich dennoch den Versuch machen, die schwarze Stellung zu retten und zwar mit 31...Kg6! Dieser Versuch, ein Remis zu erzwingen, erscheint mir am aussichtsreichsten. Schwarz bemüht sich, ohne Bauernopfer zu scheuen, den weißen Königsflügel aufzureiben, in der Hoffnung, dass Weiß nicht so einfach zur Freibauernbildung gelangt. Dabei baut Schwarz vor allem auf den Vormarsch f5-f4 bevor er am Damenflügel zerquetscht wird. (Die Idee beginnend mit 31...f6 den schwarzen König auch zum Damenflügel zu führen, scheitert an Zugzwang nach 32.Ke2 Kf7 (32...e4 33.Kd2 b5 34.Sc7+- mit der Doppeldrohung Sxb5 und Se6+!) 33.Kd3 Ke6 34.Kc4 h6 35.a4 h5 36.h3+- ; Der Versuch, den b-Bauern mit 31...b5 zu retten, scheitert genauso 32.Ke2 Ld6 (Die Variante mit 32...e4 erscheint mir aussichtslos für Schwarz. Irgendwann läuft ein weißer Freibauer los. 33.Kd2 Kg6 34.Kc3 Ld6 (34...Kg5 35.Sc7+- ) 35.Kb3 Kg5 36.Sc3 Kg4 37.Sxb5 Lb8 38.a4 Kh3 39.Kc3 Kg2 40.Sd4+- ) 33.Kd3 Kg6 34.Sc3 b4 35.Sd5 Kg5 36.h3 f4 37.exf4+ exf4 38.Sxf4-+ ) 32.Ke2 Kg5 Provoziert eine Reaktion am Königsflügel! 33.a4 (Andere Züge kommen auf dasselbe hinaus. 33.h4+ Jetzt kann Schwarz seine Idee durchsetzen: 33...Kg6 34.a4 h5 35.Kd3 f4!? Schwarz gibt einen Bauern ab, um die Stellung zu öffnen und die Bildung eines weißen Freibauern zu vermeiden. 36.gxf4 Kf5 37.f3 exf4 38.Sxf4 Le7 39.Sxh5 Lxh4 Weiß hat zwar auch hier gute Gewinnaussichten, aber aufgrund des reduzierten Materials, kann Schwarz vielleicht auch Remis erreichen.; 33.h3 Dieser Zug ist trickreicher, aber auch hier kommt Schwarz dazu, seine Idee auszuführen: 33...f4 34.exf4+ exf4 35.Sxf4 Kf5 und Schwarz kann noch kämpfen!) 33...h5 34.h4+ Kg6 35.Kd3 f4 36.gxf4 Kf5 37.f3 exf4 38.Sxf4 Le7 39.Sxh5 Lxh4

Analysediagramm
Analysediagramm

Auch hier hat Schwarz durch mehrfachen Bauernabtausch einiges erreicht. Ob es zum Remis reicht, ist mir nicht klar. Jedenfalls wird Schwarz hier nicht so zusammengeschoben wie in den anderen Varianten.

30...Lc5 Gewinnt das entscheidende Tempo auf dem Weg zum Remis!

31.h3 Weiterhin konnte Weiß hier Gewinnversuche anstellen mit 31.Kf3 aber hier ist Schwarz besser gerüstet, indem er den König schnell ins Zentrum schickt. 31...f6! 32.e3 (Trickreicher ist 32.e4! Kg6! (Nach 32...fxe4+? 33.Kxe4 Lxf2 34.Kf5+- ist der weiße König zu dominant!) 33.Se3! fxe4+ 34.Kxe4 Ld4!+/- mit realen Remisaussichten für Schwarz!) 32...Kf7 33.Ke2 Ke6 was zum Remis reichen dürfte!

31...f6 32.f3 Kg6 32...e4 kam ernsthaft in Betracht. Dieses Bauernstellung kann Deep Fritz zwar nicht halten, aber nach 33.g4 fxg4 34.hxg4 exf3+ 35.Kxf3 sind immerhin schon wieder zwei Bauernpaare abgetauscht.

33.e4?! Auf das stärkere 33.e3!? reagiert Schwarz mit 33...e4! und obwohl Weiß klar besser steht, kann ich nicht erkennen, wie Weiß Fortschritte machen könnte, z.B. 34.Sf4+ Kf7 35.Kf2 Ld6 36.Se2 Lc5 37.Sd4 Kg6

33...h5! Damit macht Deep Fritz das Remis dingfest. Kramnik kann seine Stellung auf keinen Fall mehr gewinnbringend verstärken.

34.g4 Auch Kramnik macht keine wirklichen Gewinnversuche mehr (Genaugenommen hat er sie ja nie gemacht!).

34...hxg4 35.hxg4 Mit 35.exf5+ Kxf5 36.fxg4+ konnte sich Kramnik einen Freibauern verschaffen. Nach 36...Ke6 muss er jedoch seinen schönen Springerposten aufgeben und wird nicht gewinnen können.

35...fxe4 36.fxe4= Kg5 37.Kf3 Der weiße König ist an den Bauern auf g4 gebunden und kann nicht ohne weiteres aktiv zum Damenflügel schwenken.

37...Kg6 38.Ke2 Kg5

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39.Kd3!? Kramnik nimmt die Herausforderung an, aber gewinnen wird er nicht.

39...Lg1 Das sieht aus, als ob Deep Fritz einen Fehler begeht, aber in Wirklichkeit ist er mit seinen Berechnungen - natürlich - auf der Höhe. Sofortiges 39...Kxg4 sollte auch zum Remis reichen: 40.Sxf6+ Kf3 Einziger möglicher Zug! 41.Kc4 Le7 Einziger möglicher Zug! 42.Sd5 Lc5 43.Kd3

40.Kc4 Lf2 Der sicherste Zug. Wahrscheinlich halten auch andere Züge Remis, aber es wird dann schwerer. 40...Ld4 41.Kb5 Kxg4 42.Sxf6+ Kf3 43.Kc4 (oder 43.Kc6 ) 43...Le3 44.Kd5 Ld4 45.Sd7 Kf4 46.Sb8 Ke3 47.Sc6 Kd3 48.Sxe5+ Kc3 und trotz des Minusbauern wird die Stellung gegen ein mit Tablebases bewaffnetes Programm sicher Remis.

41.Kb5 Kxg4 42.Sxf6+ 42.Sxb6 führt zu einem remislichen Damenendspiel: 42...Lxb6 43.Kxb6 f5 44.exf5 Kxf5 45.Kc5 Kf4 46.a5 e4 47.a6 e3 48.a7 e2 49.a8D e1D

42...Kf3 43.Kc6 Lh4 44.Sd7 Kxe4 45.Kxb6 Lf2+ 46.Kc6 Le1 47.Sxe5 Mit dem Erreichen der 5-Steiner Tablebases ist die Stellung erzwungenermaßen Remis. 1/2-1/2

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