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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Als der Computer „Deep Fritz“ während seines Sechs-Partien-Matches gegen Schachweltmeister Wladimir Kramnik in der Bundeskunsthalle Bonn die Führung übernimmt, hat Grimme-Preisträger Olli Dittrich für das Elektronengehirn gleich eine neue Herausforderung gefunden: den HSV zu retten. Wie das? Der clevere Kasten sollte doch geparkt werden neben der Trainerbank, fordert Kabarettist Dittrich, den das bundesweite TV-Publikum in der Rolle eines arbeitslosen Bademantelträgers und Frittenbudenstammgastes „Dittsche“ kennt; gut getarnt könnte „Deep Fritz“ die nächsten Spielzüge vorgeben, und die Norddeutschen dürften in der Ersten Liga bleiben.
Eine neue Herausforderung für den Schachcomputer Deep Fritz nach dem 4:2 Sieg über den menschlichen Weltmeister
Ein schlauer Plan von Dittsche, der natürlich nicht ganz ernst gemeint ist. Abgesehen davon hätte die Sache ohnehin einen Haken: Im Vergleich zu einem Himmelfahrtskommando, den kickenden Söldnern von der Elbe endlich wieder Beine zu machen, ist das Duell zwischen Schachmaschine und dem 31-jährigen Russen Kramnik aus Sicht des „Deep Fritz“-Lagers beinahe ein Spaziergang gewesen. Ein Kantersieg in der letzten Runde lässt die Computerleute mit 4:2-Punkten triumphieren.
 | | Von da an ging es abwärts: Weltmeister Wladimir Kramnik während der zweiten Partie gegen „Deep Fritz“ vor dem Patzer des Jahrhunderts 34. … De3???, wonach der Moskauer von der Engine einzügig matt gesetzt wurde mit 35.Dh7# (Foto: ChessBase) | Eine unerwartet hohe Niederlage des Weltmeisters: Noch vor vier Jahren in Bahrain hielt Kramnik gegen „Deep Fritz“ ein 4:4-Unentschieden. Seitdem ist jedoch das Programm, ein Produkt der Hamburger Firma ChessBase, deutlich besser worden: Auf dem Turnierrechner (4 Rechenkerne und 4 Gigabyte Arbeitsspeicher) kalkuliert die Engine bis zu zehn Milllionen Stellungen pro Sekunde und nutzt eine Datenbank von über drei Millionen Positionen.
Geschätzte zehn Millionen Fans weltweit haben das Kräftemessen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz live via Internet verfolgt. Gut 200 Journalisten aus dem In- und Ausland waren akkreditiert am Wettkampfort, dem Forum der Bundeskunsthalle; „niemals zuvor“ habe eine Schach-Veranstaltung in Deutschland ein ähnlich „großes Medieninteresse erfahren“, bilanzieren die Organisatoren von der „Universal Event Promotion GmbH“ in ihrer abschließenden Presseerklärung.
 | | Hält eine erfolgreiche Revanche von Kramnik gegen „Deep Fritz“ für möglich: Österreichs Topfrau und ChessBase-Autorin Eva Moser | Nach Kramniks Schlappe orakeln nun einige von Zeitenwende. SPIEGEL-online ruft das „Ende einer Ära“ aus: „Der Rechner übernimmt das Kommando“; der Mensch dürfte „endgültig den Wettstreit gegen die Maschine verloren haben“. Fachleute sehen das weniger aufgeregt, wie eine Blitzumfrage der Tageszeitung „Neues Deutschland“ (ND) ergeben hat. Österreichs Topstar Eva Moser meint, „dass die stärksten Spieler noch über mehrere Jahre hinweg gegen Schachprogramme ihre Chance haben werden“. Die Frontfrau der Alpenrepublik zollt Kramnik ausdrücklich Respekt, obwohl der Weltmeister in der zweiten Partie böse patzte und den entsprechenden Rückstand nicht mehr aufholen konnte: Kramnik habe gezeigt, dass er „Deep Fritz“ in „strategisch geführten Partien mehr als ebenbürtig“ sei.
Daher glaubt Eva Moser sogar an eine Revanche des Moskauers: Kramnik könnte „Deep Fritz in einem Nachfolgematch besiegen“, falls „es ihm gelingt, taktische Missgeschicke zu vermeiden“.
 | | Das Kräftemessen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz sei trotz Kramniks Niederlage gegen „Deep Fritz“ noch nicht endgültig entschieden, meint CSS-Herausgeber Dieter Steinwender (oben links); hier ausnahmsweise mal ohne elektronische Hilfsmittel am Brett mit Helmut Conrady (rechts) | Auf der gleichen Linie liegt Arik Braun, Jugendweltmeister U-18 und Bundesligakader beim SC Eppingen. Moderne Computer stellen zwar keine Figuren ein, wie er anmerkt, aber strategisch seien „die Menschen noch etwas überlegen“. Eine Prognose, der sich Dieter Steinwender anschließt, Herausgeber des Online-Magazins „Computerschach & Spiele“. Das „letzte Wort“ sei „ nicht gesprochen“; übrigens könnte vielleicht ja auch „ein anderer Supergroßmeister“ als Kramnik „durch eine ausgeklügelte Anti-Computer-Strategie“ bessere Chancen haben „gegen die künstliche Intelligenz“.
Und wer kommt dafür in Frage, die Ehre der Humanoiden zu retten nach Kramniks 2:4-Klatsche gegen das tückische Ding aus Chips und Schaltkreisen? Per E-Mail an die ND-Redaktion hat sich ein Kandidat gemeldet: der amtierende deutsche Meister Thomas Luther. Der 37-jährige Erfurter verspricht: „Ich bin sicher, ein Match gegen eines der derzeit besten Schachprogramme siegreich gestalten zu können.“ Warum? „Den Nachweis bringe ich tagtäglich bei meinem Training auf meinem PC zu Hause.“
 | | Will es besser machen als Kramnik: der deutsche Meister Thomas Luther |
Kramnik war gestern, jetzt kommt Thomas Luther. Und der HSV muss sich einen anderen Retter suchen als „Deep Fritz“...
(Dr. René Gralla) |